Chopins Klavierkonzert Nr. 1 mit Maurizio Pollini und Christian Thielemann

16. Jan 2016

Berliner Philharmoniker
Christian Thielemann

Maurizio Pollini

  • Robert Schumann
    Genoveva op. 81: Ouvertüre (10 Min.)

  • Frédéric Chopin
    Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 e-Moll op. 11 (42 Min.)

    Maurizio Pollini Klavier

  • Aribert Reimann
    Sieben Fragmente für Orchester in memoriam Robert Schumann (19 Min.)

  • Richard Strauss
    Intermezzo op. 72: Vier symphonische Zwischenspiele (29 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Christian Thielemann im Gespräch mit Albrecht Mayer (16 Min.)

Seit vielen Jahrzehnten ist Maurizio Pollini nun schon musikalischer Partner, ja mehr noch: Freund der Berliner Philharmoniker. Und auch Christian Thielemann ist dem Orchester eng verbunden, seitdem er 1996 sein philharmonisches Debüt gab. Dass der Grandseigneur unter den Pianisten unserer Tage und der amtierende Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle sich auch untereinander künstlerisch bestens verstehen, haben sie bereits mehrfach unter Beweis gestellt – nicht zuletzt auch auf dem Podium der Berliner Philharmonie.

Im Dezember 2012 stellten sie zusammen mit den Berliner Philharmonikern eine von Presse und Publikum gleichermaßen gefeierte Interpretation von Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert C-Dur KV 467 zur Diskussion. Die Weichen für ein Wiedersehen mit Thielemann und Pollini in der Berliner Philharmonie waren damit gestellt! In diesem Mitschnitt von 2016 haben die Künstler Frédéric Chopins Erstes Klavierkonzert aufs Programm gesetzt, ein Werk, das den Pianisten seit Anbeginn seiner Karriere begleitet, und das er schon als Erster Preisträger im Abschlusskonzert des Chopin-Wettbewerbs 1960 in Warschau gespielt hat.

Aus seiner Bewunderung für die Musik von Robert Schumann hat der Berliner Komponist Aribert Reimann nie einen Hehl gemacht. Reimanns Sieben Fragmente für Orchester aus dem Jahr 1988 sind »Robert Schumann in Memoriam« gewidmet und lassen sich als kompositorische Meditationen über Person und Musik des von Reimann verehrten Romantikers deuten. Schumann selbst ist in diesen drei Konzerten mit der Ouvertüre zu seiner 1847 bis 1849 entstandenen einzigen Oper Genoveva zu hören. Noch bevor der Komponist das von ihm selbst verfasste Libretto nach Dramen von Friedrich Hebbel und Ludwig Tieck verfasste, komponierte er die Ouvertüre, in der er in freier Sonatenform bereits alle Themen der handelnden Personen seiner Oper vorstellt.

Mit vier symphonischen Zwischenspielen aus Richard Strauss’ 1924 an der Semperoper uraufgeführtem Intermezzo bringt Christian Thielemann außerdem einen musikalischen Gruß aus Dresden mit in seine Berliner Heimat – und rundet damit ein Konzert ab, dessen Programm ebenso exquisit und facettenreich ist wie seine Interpreten!

Fantasien über die Kunst

Kompositionen von Schumann, Chopin, Reimann und Strauss

Empfindung statt schwarzer Romantik: Robert Schumanns Genoveva-Ouvertüre op. 81

Ein Brief, glühend, schwärmerisch, so wie man es kennt von seinem Verfasser; Adressatin ist die Mutter: »Mit der großen Oper hat es seine Richtigkeit; ich bin Feuer und Flamme und wüthe den ganzen Tag in süßen, fabelhaften Tönen. Die Oper heißt ›Hamlet‹, der Gedanke an Ruhm und Unsterblichkeit gibt mir Kraft und Fantasie.« Robert Schumann schreibt diese Zeilen im Jahr 1830. Keine Frage, die Oper affiziert ihn. Aber er kann sich mit ihr nicht wirklich befreunden. Erst am Gründonnerstag 1847 entdeckt Schumann ein Theaterstück, das ihm würdig genug erscheint, es zu vertonen. Nach der Lektüre von Friedrich Hebbels Genoveva entwirft er augenblicklich die Musik zur Ouvertüre einer Oper. Diese trägt den Namen der hebbelschen Tragödie, verwendet aber überdies Elemente aus Ludwig Tiecks Trauerspiel Leben und Tod der heiligen Genoveva von 1799.

Die Geschichte präsentiert ein Stück schwarzer Romantik, die aber bei Schumann zugunsten einer psychologischen Struktur in den Hintergrund rückt. Schon in der schillernden Ouvertüre, die den Handlungsverlauf mehr auf der Ebene der Empfindung antizipiert als ihn chronologisch zu illustrieren, wird deutlich: Ein Lied der Schmerzen ist es, das wir da hören; ein Lied, dessen Strahlkraft so enorm ist, dass es in der nachfolgenden Oper kaum noch gelingen kann, gegen solch immense Intensität anzukommen. So darf man Schumanns Schüler Louis Ehlert beipflichten, der nach der Uraufführung von Genoveva am 25. Juni 1850 in Leipzig die Ouvertüre bereits als die Krönung der gesamten Oper empfand.

Tristesse, Mélancolie,Clarté: Frédéric Chopins Klavierkonzert e-Moll op. 11

Frédéric Chopins Instrument war das Klavier, und für dies komponierte er jene Musik, die Schumann als »unter Blumen eingesenkte Kanonen« skizzierte. Damit ist jedoch nur eine Seite benannt. Die andere findet sich in einer Formulierung von Honoré de Balzac: »Wie einer Seele Sang, der zu den Sinnen spräche – so lässt sich vieles von dem, was Chopin komponierte, ebenso trefflich hören und empfinden.« Das gilt auch für das Klavierkonzert Nr. 1 e-Moll op. 11, das trotz offizieller Zählung vermutlich einen Hauch nach dem zweiten Werk der Gattung – dem f-Moll-Konzert op. 21 – entstand. Die formale Konzeption wie auch der melancholisch-schwärmerische Tonfall, die Haltung, sind in beiden Werken so gut wie identisch.

Den zwischen E-Dur und cis-Moll vagierenden Mittelsatz seines Opus 11 hat Chopin in einem Brief an den Freund Titus Woyciechowski poetisch charakterisiert: »Er soll nicht kräftig sein, eher wie eine Romanze, ruhig, melancholisch; er sollte den Eindruck machen, als blicke man freundlich auf einen Ort, der 1000 liebe Erinnerungen weckt. – Ein Träumen in schöner Frühlingszeit, aber bei Mondschein.« Ja, ein gefühlsversunkenes Notturno istʼs, in dessen Verlauf ein fernes Arkadien imaginiert wird, wiewohl mit leichten Eintrübungen und immer wieder neuen melodischen Gedanken über einer kaum veränderten Bass-Figuration. Mélancolie, mon amour könnte man darüber schreiben, oder auch, schubertisch gefärbt: Lachen und Weinen. Das Ganze umgeben von Nebelschleiern – Weltenthobenheitsmusik.

Diffundierung, Zerfaserung, Pulverisierung: Aribert Reimanns Sieben Fragmente

Als ein Geschenk von Engelsstimmen erkannte Robert Schumann jenes choralartige Thema, das ihm 1854 in einer Februar-Nacht eingegeben wurde und das er sogleich notierte, als Thema der Geistervariationen Es-Dur, seiner letzten Schöpfung für Klavier. In Aribert Reimanns SiebenFragmenten für Orchesterin memoriam Robert Schumann aus den Jahren 1987/1988begegnet es uns wieder, wiewohl in zersplitterter Gestalt: als Anspielung, als Hommage, als intime musikalische Mitteilung. Schon der Titel dieses Werks deutet die Nähe zwischen beiden Kompositionen an. Alles ist Torso, Entwurf, Skizze, und das, was wir hören, Ergebnis eines uns unbekannten Zuvor: »Es hat sich vorher schon etwas abgespielt«, so Reimann, »wie das im ersten Fragment zu hören ist. Man macht ein Fenster oder einen Vorhang auf und man ist plötzlich in einer Situation. Das, was vorausgegangen ist, muss man sich vorstellen.«

Diffundierung, Zerfaserung, Pulverisierung – das darf als das generell zugrundeliegende Prinzip des knapp viertelstündigen Werks gelten, welches lediglich in Fragment I eine feste Form zumindest andeutungsweise aufweist, aber schon hier stark assoziativen Charakter besitzt (und folgerichtig attacca in Fragment II übergeht). Es birgt eine Musik wie vorüberziehende Wolken, lyrisch, mit verfließenden Übergängen, Ausdünnungen – und an den entsprechenden Stellen mit ausdrücklichen Schumann-Zitaten. So zu Beginn von Fragment III, wo aber nur der erste Takt des Schumann-Themas ertönt, wie auch zu Beginn von Fragment V, wo sich ein Splitter aus diesem Thema herauslöst, und schließlich in Fragment VII, das die fünfte Variation von Schumanns Opus der Zersprengung zitiert, dessen letzten Gedanken. Über all dem liegt ein Farbenzauber, wie wir ihn von vielen Werken Reimanns kennen, erzeugt durch die Schichtung von Liegeklängen, durch zahlreiche verschiedene Klangfärbungen und diverse Spieltechniken wie auch durch Ausflüge in die einsamen Höhen des Flageoletts.

Amüsant musikalisierte Tagebuchblätter: Intermezzo op. 72 von Richard Strauss

Ins großbürgerliche Milieu entführt uns Richard Strauss mit seinem Musiktheater Intermezzo; der Komponist selbst nannte es eine »bürgerliche Komödie mit symphonischen Zwischenspielen«. In ihr manifestierte sich der Versuch des Komponisten, einen Konversationsstil für die Oper zu finden, der etwa dem natürlichen Sprachfluss des Lustspiels entspricht. Modell stand das Leben – sein und seiner Familie Leben. Geschildert werden »drei schwerste Tage«, die Strauss nach eigenem Bekunden »fast dem Wahnsinn nahe« brachten. Doch sollte man, um Intermezzo zu verstehen, diese amüsant illustrierten Tagebuchblätter nicht allzu ernst nehmen: Es wohnt viel satirischer Geist in ihnen, ein hohes Maß an subtiler Selbstironie.

Das Werk vereint 13 durch Zwischenmusiken verknüpfte Bilder aus dem Alltag der Familie Storch. Der Grundkonflikt der Geschichte besteht darin, dass Christine, des Hofkapellmeisters Storch widerborstige und zugleich charmante Ehefrau (in ihr erkennen wir ohne Probleme Straussens Gattin Pauline wieder), durch ein Telegramm erregt wird, das an ihren Mann adressiert ist, aber eigentlich an einen Berliner Kollegen mit dem ähnlichem Namen Stroh gerichtet ist. Die Folge sind Turbulenzen und Kapriolen, bis letztendlich am Frühstückstisch die Welt der Eheleute wieder in die bürgerliche Ordnung zurechtgerückt wird – bei Kaffee, Brötchen und Marmelade.

Die Höhepunkte des Werks liefert unstrittig die Musik, die sich in dramatisch-rezitativische und symphonische Passagen gliedert, die vor allem aber in vielfältiger Weise das Motiv des Ehemanns variiert (dem dasjenige der Ehefrau so lange konträr gegenübersteht, bis ein gemeinsames Ehe-Thema gefunden wird). Was daran besonders besticht, ist das hohe Tempo, in dem alles geschieht. Tempo fungiert in der virtuos verfertigten Partitur von Intermezzo als Triebfeder, die das Lustspiel mit seiner entzückenden Allegro-Grazie und Wandlungsfähigkeit in Gang hält. Wie stets zeigt sich Strauss auch hier als Meister der musikalischen Charakterisierung: hauchzart das Traum-Thema im As-Dur-Zwischenspiel, funkelnd-strahlend der Walzer mit seinen ineinander verwobenenen rustikal-bayerischen und schwärmerisch-mondänen Kantilenen; mitreißend das E-Dur-Zwischenspiel kurz vor Ende des Ehekrachs! So dominant ist das Diktat der Musik, dass man jenem klugen Zeitgenosse durchaus zustimmen möchte, der mit leisem Spott vorschlug, Intermezzo sei doch mehr eine »symphonische Dichtung mit bürgerlichen Zwischenspielen als eine bürgerliche Dichtung mit symphonischen Zwischenspielen«.

Jürgen Otten

Christian Thielemann ist seit 2012 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden; außerdem übernahm er 2013 die künstlerische Leitung der Salzburger Osterfestspiele. Zuvor stand er von 2004 bis 2011 als Generalmusikdirektor an der Spitze der Münchner Philharmoniker. Der gebürtige Berliner hatte in seiner Heimatstadt an der Hochschule der Künste studiert und anschließend zunächst Erfahrungen an kleineren Bühnen gesammelt, bevor er Erster Kapellmeister der Deutschen Oper am Rhein und danach Generalmusikdirektor in Nürnberg wurde. Von 1997 bis 2004 war er in gleicher Verantwortung der Deutschen Oper Berlin verbunden, wo er 1978 seine Laufbahn als Korrepetitor begonnen hatte. Tragende Säulen in Thielemanns breitem Repertoire bilden Werke der Klassik und Romantik, aber auch das Œuvre Hans Werner Henzes. Enge Zusammenarbeiten verbinden ihn mit den Berliner und den Wiener Philharmonikern sowie mit den Bayreuther Festspielen, wo er seit seinem Debüt im Sommer 2000 (Die Meistersinger von Nürnberg) alljährlich zu Gast war; seit 2010 ist er dort auch musikalischer Berater und im Juni 2015 wurde er zum Musikdirektor der Festspiele ernannt. Im Rahmen einer vielfältigen Konzerttätigkeit dirigiert Christian Thielemann auch die großen Orchester in Amsterdam, London, New York, Chicago und Philadelphia; ebenso gastierte er in Israel, Japan und China. Der Künstler ist Ehrenmitglied der Royal Academy of Music in London und Ehrendoktor der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar. Im Mai 2015 wurde ihm der Richard-Wagner-Preis der Richard-Wagner-Gesellschaft der Stadt Leipzig verliehen Die Berliner Philharmoniker hat Christian Thielemann seit seinem Debüt im Jahr 1996 regelmäßig dirigiert; zuletzt führte er mit ihnen in der vergangenen Woche ein französisches Programm mit Werken von Ernest Chausson, Claude Debussy und Gabriel Fauré auf.

Maurizio Pollini, 1942 in Mailand geboren, studierte am Konservatorium seiner Heimatstadt Klavier, Komposition und Dirigieren. Nach frühen Wettbewerbserfolgen in Genf und Seregno gewann er 1960 den Ersten Preis beim Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau und debütierte an der Mailänder Scala in einem von Sergiu Celibidache dirigierten Konzert als Solist in Chopins Erstem Klavierkonzert. Ungeachtet weiterer Erfolge setzte Maurizio Pollini seine Ausbildung als Meisterschüler von Arturo Benedetti Michelangeli fort, bevor ihn eine beispiellose Karriere an die renommiertesten Konzerthäuser in aller Welt führte. Chopin blieb ein Schwerpunkt seines Repertoires, in dem auch die Werke Bachs, Beethovens, Schumanns oder Debussys prominente Plätze einnehmen. Mit großem Engagement hat sich der Künstler überdies stets dem zeitgenössischen Musikschaffen zugewandt. Die Kompositionen von Nono, Boulez oder Stockhausen sind ihm ebenso vertraut wie die Klavierwerke Schönbergs, Bergs und Weberns. 1993 und 1994 führte er in Berlin und München sämtliche Beethoven-Sonaten auf; später wiederholte er den Zyklus in weiteren Städten. Maurizio Pollini hat auch mehrfach Festivals und Konzertreihen als Künstlerischer Leiter geprägt, so von 1999 bis 2001 das Projekt »Perspectives: Maurizio Pollini« mit 30 Konzerten in der New Yorker Carnegie Hall; ähnliche Zyklen fanden in der Folge auch in der Cité de la Musique, Paris, in Luzern, Rom, Mailand, Tokio und Berlin statt. Der Pianist wurde u. a. mit dem Ernst von Siemens Musikpreis (1996), dem Premio Arturo Benedetti Michelangeli (2000) sowie 2012 mit dem Royal Philharmonic Society Award ausgezeichnet; 2013 verlieh ihm die Universidad Complutense Madrid die Ehrendoktorwürde. Seit 1970 gastiert Maurizio Pollini regelmäßig bei den Berliner Philharmonikern; zuletzt gab er im Mai 2015 einen Klavierabend, auf dessen Programm Werke von Robert Schumann und Frédéric Chopin standen.

Maurizio Pollini tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Grammophon auf.

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